Leseprobe

Kapitel 3


Wo um Himmels willen fuhr er mit ihr hin? Evelyns Gedanken überschlugen sich. Meinte Andreas das tatsächlich ernst? Wollte er wirklich mit ihr picknicken? Das wäre das erste Mal, dass er so etwas mit ihr getan hätte. Und wie ernst war es ihm damit, sich ihr wieder anzunähern? Sogar körperlich? Dabei hatte er sie so viele Jahre spüren lassen, dass sie ihn anekelte. Evelyn konnte das nicht glauben. Sie musste vorsichtig sein. Was war, wenn er ihr so nahe kam, dass er den Schlüssel entdeckte? Der Schlüssel musste weg!
»Andreas, mach mir bitte die Augenbinde ab. Die ist doch nicht nötig.« Sie versuchte ungezwungen zu klingen, merkte aber, wie ihre Stimme vor Angst zitterte.

»Nein Evelyn. Ich will dir eine Freude machen.«
Eine Freude machen? Wie kam er plötzlich auf diese für ihn ungewöhnliche Idee? Sie konnte sich nicht erinnern, wann er ihr das letzte Mal wirklich eine Freude gemacht hatte. Das musste schon Jahre her sein. Sie konnte seiner Wandlung nicht trauen.
»Ach, ich freue mich wahnsinnig«, heuchelte sie ihm vor. »Aber du weißt doch, dass mir im Auto mit geschlossenen Augen schlecht wird. Bitte, es ist doch auch eine Freude, wenn ich sehe, wo wir hinfahren.«
»Dann ist es keine Überraschung mehr!«
»Aber die vielen Kurven! Andreas, mir ist wirklich ein bisschen schlecht!«
»Keine Sorge, es dauert nicht mehr lange.«
»Könnten wir trotzdem kurz anhalten? Ich müsste mal auf die Toilette.«
»Hey, jetzt ist aber gut! Ich habe dir doch gesagt, dass wir gleich da sind. Verdirb mir bloß nicht die schöne Stimmung!«
»Okay, ist ja schon gut.«

Das war wieder der Andreas, den sie kannte. Sie wurde immer unsicherer, je länger die Fahrt dauerte. Was hatte er mit ihr vor? Sie durfte ihn nicht länger reizen, vielleicht wurde ja doch alles gut.
Andreas atmete tief durch und bekam sich wieder in den Griff.

»Es tut mir leid, ich wollte dich nicht anblaffen. Weißt du, ich freue mich sehr und kann es kaum erwarten, wie du reagierst. Daher kann ich jetzt nicht anhalten. Nachher, wenn wir angekommen sind, kannst Du schnell hinter einem Busch verschwinden.« Er tätschelte Evelyns Wange. Dann fügte er mit einem Grinsen hinzu:
»Oder wir verschwinden zusammen im Gebüsch.«

Sein tiefes, gepresstes Ausatmen machte ihr Angst. Was führte er im Schilde? 
Das alles war sehr seltsam. Er würde nicht extra an einen abgelegenen Ort mit ihr fahren, um romantisch zu picknicken. Das hätte er schon die ganzen Jahre über machen können. Aber dafür war er entweder zu feindselig ihr gegenüber gewesen, oder zu betrunken. Und noch abwegiger war der Gedanke, er würde mit ihr Intimitäten austauschen. Also, warum brachte er sie in den Wald? Oder fuhren sie gar nicht dorthin?

Sie konnte mit verbundenen Augen nicht einschätzen, auf welchem Weg sie waren. Er könnte sie auch zur Müllverbrennungsanlage fahren und sie wüsste es nicht. Oh Gott! Evelyns Beine zitterten und ihr wurde nun wirklich schlecht. Das konnte sogar gut möglich sein! Vielleicht hatte er jetzt genug von ihr und wollte sie umbringen. Dazu sein merkwürdig freundliches Verhalten: Er wollte sie in falscher Sicherheit wiegen.

Aus ihrer Furcht wurde stille Panik. Der versteckte Schlüssel war nun ihr geringstes Problem. Sie musste fliehen, sobald sie eine Chance bekam. Oder Hilfe holen. Bloß wie?
Noch bevor Evelyn sich weitere Gedanken machen konnte, wurde der Wagen langsamer und sie hielten an. Die Reifen knirschten im steinigen Sand, der neben der Fahrbahn aufgeschüttet war.
»Ich habe dir doch gesagt, es dauert nicht mehr lange. Also, mein Schatz, wir sind da.«
»Gut, dann kannst du mir ja die Augenbinde abnehmen.«
»Nein, ich will dich erst zur richtigen Stelle führen. Warte, ich komme herum und mache dir die Tür auf. Du sollst dir ja nicht wehtun!«, sagte er in ruhigem und abgeklärtem Ton.

Die Fahrertür ging auf und fiel krachend wieder ins Schloss. Dann hörte Evelyn wie Andreas den Kofferraum öffnete. Was holte er bloß daraus hervor? Sie musste tief durchatmen, um nicht vollends verrückt zu werden. Aber sie konnte sich nicht beruhigen, denn nun knirschten seine Schritte von hinten kommend immer näher. Schon riss er die Beifahrertür auf und der Geruch nach Nadelbäumen und modrigem Boden ließ Evelyn erschaudern. Ein Picknick im Wald? Wer kommt denn schon auf so eine Idee? Ein lauschiges Plätzchen am See oder auf einer sonnigen Wiese, das wären ideale Orte! Im Wald hat man anderes vor! Bäume haben keine Augen. Evelyn machte sich innerlich zur Flucht bereit, sobald eine Möglichkeit dazu gegeben wäre.
»So, vorsichtig, steig aus. Hier ist mein Arm, ich führe dich.« In Kavaliersmanier griff Andreas unter ihren Arm, zog sie aus dem Auto und legte dann seine Hand fest um ihre Taille.

Evelyn ging zögernd neben ihm her. Der Untergrund war uneben und sie kamen nur langsam voran. Sie wünschte, es würde schneller gehen, damit sie von Andreas Berührung loskam.
»Ist es noch weit?«, fragte sie ihn unsicher.
»Ein Stückchen noch. Aber mach ruhig langsam, wir haben schließlich alle Zeit der Welt.« Andreas setzte zu einem langen Seufzen an. »Ist es hier nicht romantisch?«
Wie zynisch konnte er bloß sein? Wenn Evelyn nicht blind Andreas' festem Griff ausgeliefert gewesen wäre, hätte der Ausflug eventuell etwas von Romantik haben können. Sie hörte die Vögel trällern und Wasser plätschern. Aber in ihrem Kopf ging nur die eine Frage herum: Was hatte Andreas vor? Wollte er sie im Wasser ertränken?
»Oh, Evelyn, deine Beine knicken ja weg. Entschuldige, war es so anstrengend? Ich wollte dich nicht überfordern. Keine Sorge, wir sind jetzt da.«

Sie blieben stehen. Andreas stellte etwas auf den Boden.
»Komm, setz dich hier auf den Stein. Es dauert nur noch eine Minute und du darfst wieder sehen.«
Evelyn spürte ihr Herz rasen. Sie hörte einen Bach an ihr vorbei fließen. Wie groß er war und wie stark seine Strömung, konnte sie nicht einschätzen. Die innere Anspannung ließ ihr Herz galoppieren. Würde er ihr jetzt eins überziehen und sie dann ins Wasser werfen?
Sie hörte Andreas rascheln und klappern. Dann kam er zu ihr und stellte sich hinter sie.
»Okay, jetzt muss es leider sein!«
»Was?«, schrie Evelyn panisch auf.
»Ich nehme dir jetzt die Augenbinde ab.«
Von der langen Dunkelheit gezeichnet, sah sie am Anfang nur verschwommen. Doch bald konnte sie Ungewöhnliches entdecken. Zu Evelyns Füßen war eine rote Decke ausgebreitet, auf der sich etliche Snacks befanden: Honigmelonenscheiben mit Schinken, Käsespieße, Baguette mit verschiedenen Dips und eine Flasche Champagner. Im Hintergrund sah sie einen beschaulichen Bach.

»Freust du dich?«
»Klar!« Evelyn freute sich vor allem, noch am Leben zu sein. Die Anspannung legte sich und ihr Herz fand zu einem ruhigeren Rhythmus zurück. Sie versuchte ein fröhliches Gesicht zu machen. Er wollte sie wohl doch nicht loswerden.
Andreas beobachtete sie skeptisch.
»Wirklich? Du wirkst aber nicht so. Ich habe mir so viel Mühe gegeben, dann könntest du dich wenigstens mal freuen!« Andreas Stimmung kippte bereits wieder.
»Doch«, beeilte Evelyn sich zu sagen. »Es sieht alles herrlich aus. Das hast du super gemacht«, versuchte sie ihn und sich selbst zu überzeugen.
»Na, es sollte ja auch eine schöne Überraschung sein! Komm, setz dich neben mich auf die Decke.«
Andreas ließ ihr keine Zeit selber aufzustehen. Er zog Evelyn vom Stein hoch und zerrte sie hinter sich zur Decke. »Jetzt machen wir es uns gemütlich!«

Zögernd streckte Evelyn ihre Beine aus und versuchte entspannt zu wirken. Sie wurde heute einfach nicht aus Andreas schlau. Vielleicht meinte er sein Vorhaben tatsächlich ernst. Denn Mühe gemacht hatte er sich. Sicher, das Ergebnis war kein Highlight, ihre Stimmung nicht euphorisch, aber er hatte sich zumindest Gedanken um sie gemacht. Es war ja immerhin auch möglich, dass er sich diesmal wirklich geändert hatte. Vielleicht würde doch wieder alles gut zwischen ihnen. Ihre Gedanken wollten es glauben, doch ihr Herz sagte etwas anderes. Evelyn fühlte an ihrer Lippe und ein Schmerz durchzuckte ihr Gesicht. Das Leiden unter Andreas konnte sie nicht vergessen: seine Schläge, sein Psychoterror. Nein, sie hatte sich ein für alle Mal entschieden. Ihr Plan stand fest. Sie würde ihn verlassen. Auch wenn er es jetzt gerade in diesem Moment ehrlich meinte, alte Gewohnheiten würden sich einschleichen und irgendwann saß sie wieder mit einem blauen Auge in ihrem Schrank.

»Jetzt stoßen wir erst einmal mit Champagner auf unseren Neustart an!«
Andreas riss Evelyn aus ihren Überlegungen. Er nahm die Flasche und löste mit viel Show die Metallfolie und das Drahtgestell.
Der Korken schoss mit einem lauten Plopp heraus und durchschlug die friedliche Atmosphäre des Waldes. Die Vögel stoben davon und Andreas lachte laut, als der Champagner aus der Flasche sprudelte. »So habe ich mir das vorgestellt.«
Er musste immer übertreiben. Angeben und protzen, damit er gut dastand. Doch hinter seiner Fassade sah Evelyn das primitive und ordinäre Wesen, den Typen, der keinen Stil hatte und nichts in den Griff bekam, auch wenn er es noch so gerne gehabt hätte. Evelyn fühlte sich von ihm abgestoßen.

Den Champagner füllte er in Plastikgläser. Für mehr hatte es dann wohl nicht mehr gereicht.
Die Gläser machten beim Aufeinandertreffen statt eines wohlklingenden Pling ein enttäuschendes Tock. Eigentlich, dachte Evelyn, war genau dies das Sinnbild ihrer Ehe. Andreas hatte am Anfang ihrer Beziehung edel gewirkt, prickelnd: Pling. Doch als die Ehe geschlossen war, zeigte sich der billige Käfig: Tock.

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